27. Juli - 30. Juli 2017
44. Laurentiusfest

Leiderer Kerb

Geschichtliche Entwicklung

Von alters her feierten die Leiderer ihr Kirchweihfest, das an ihren Ortsheiligen Laurentius erinnert, um den 10.August. Im Jahre 1812 stiftete Karl Philipp Scheidel, ein Frankfurter Kaufmann, der sich um eine Wirthschaftsconcession mit Braurecht in Leider bewarb, den trinkfreudigen Burschen des Dorfes zum Kirchweihfest einen Zwei-Liter-Krug aus Zinn, auf der St. Laurentius dargestellt ist. Auf dem Deckel des Kruges ist eingraviert: “Vivat. Es leben die Leiderer Buschen“, auf der Rückseite des Kruges: “Gewidmet von Carl Philipp Scheidel 1812“. Dieser Laurentiuskrug spielte in der Folgezeit während des Kirchweihfestes eine besondere Rolle, er ward Mittelpunkt eines Brauchtums, das die Leiderer bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges pflegten.

Am Vorabend des Kirchweihtages zogen die schulentlassenen Burschen des Dorfes, Schaufeln und Hacken geschultert, aufs Feld hinaus, um die “Kerb“ abzuholen. Darunter verstand man, dass aus dem Boden, der Korn und Gras die Nahrung gibt, symbolisch die Kraft für das Leben im kommenden Jahr geholt wird. Mit einer Erntekrone und mit Lampions zog man dann auf den Dorfplatz, zog die Erntekrone an einer langen Stange hoch und beendete den Abend mit Gesang und Tanz.

Der Dorfplatz befand sich unmittelbar an der alten Laurentiuskirche, die aus dem 14. Jahrhundert (1340 erstmals erwähnt) stammt und eine Filiale der Muttergottes-Pfarrkirche in Aschaffenburg war. Heute die evangelische Lukaskirche war damals Mittelpunkt des Dorfes.

Am Nachmittag des Kirchweihtages marschierte ein Festzug durch das Dorf. Voran trug der “älteste Kerbborsch“, es war dies der jeweils älteste noch ledige Bursche im Dorf, den Laurentiuskrug. Ihm folgten vier angesehene Ortsbürger, jeder einen dreistöckigen Buntkuchen in den Händen, dann die Musikkapellen und die Ortsvereine. Die Buntkuchen wurden an vier Honoratioren des Dorfes, so meistens an den Ortsvorsteher, an den Lehrer, an den Feuerwehrkommandanten und an den Gemeindeschreiber, als besondere Ehrung verteilt. Der Laurentiuskrug, aus der der “älteste Kerbborsch“ während des Kirchweihzuges seinen Durst stillen durfte, verblieb anschließend in dem Leiderer Gasthaus, in dem der ledige Mann verkehrte. Für die Gasthäuser in Leider war das jeweilige Kirchweihfest ein Höhepunkt im Jahresablauf. So war es auch im 19. Jahrhundert üblich, dass die Leiderer Gasthäuser in der Aschaffenburger Tageszeitung zur Kirchweih inserierten und zu gutbesetzter Tanzmusik einluden.

Das erste, heute bekannte Inserat hatte das Gasthaus “Zum weißen Roß“ in der Aschaffenburger Zeitung vom 14. August 1863 veröffentlicht. Im Jahre 1892 boten mit einem Inserat die Gasthäuser “Zum Roß“ und “Zum Riesen“ am Sonntag “gutbesetzte Tanzmusik“, am Montag “großes Concert“ und an beiden Tagen “Geflügel, Wein, vorzüglich Bier, auch Kuchen kann man haben, um zahlreich Kommen bitten wir, ein Jeder kann sich laben“. Damit das Interesse besonders geweckt wurde, war das Inserat auf dem Kopf stehend eingerückt worden. Balthasar Roth, der um 1897 im Haus Nr.11 eine Schankwirtschaft betrieb (später unter Eduard Denk als Gasthaus “Zur Bretzel“ bekannt), inserierte zur Kirchweih 1897 nur mit einem Gedicht. 1903 bot das Gasthaus “Zum goldenen Anker“ besonders das im Freien neu errichtete Tanzpodium an, zum Tanz spielte die Kapelle des Aschaffenburger Jägerbataillons auf, und ab 1921 verkehrte an den Kirchweihtagen sogar ein Motorboot zwischen dem Floßhafen in Aschaffenburg und dem Gasthaus “Zum goldenen Anker“ in Leider.

In den zwanziger und dreißiger Jahren hieß die Kirchweih in Leider “Gickelskerb“. Aus allen Gasthäusern des Ortes duftete es nach gekochten oder gebackenen Hähnchen, die kurz vorher auf dem Hackklotz dem “Gickel-Mord“ zum Opfer gefallen waren. Am Sonntag waren die Leiderer unter sich. Die Städter, wie man die Aschaffenburger immer noch nannte, strömten jeweils am Kirchweihmontag zum Fest. Verwandtschaftliche Bande erwiesen sich als äußerst nützlich, gab es doch bei den Leiderer Familien den begehrten Riwwel- und Zimtkuchen vom großen Blech. Für die Kinder waren das Karussell mit seinen lackierten Holzpferden, für die heranwachsende Jugend die “Kaffeemühlen“ am Karussell und die Schiffschaukel die Kerbattraktion.

Das alte Brauchtum nur durch die beiden Weltkriege unterbrochen wird heute noch gepflegt: Bodo Jagdberg stiftete am 10. August 1975 eine originalgetreue Nachbildung des Laurentiuskruges von 1812. Dieser neue Laurentiuskrug wird vom Leiderer Pfarrer den Kerbburschen und -mädchen am Kerbsamstag im Festzelt übergeben. Der Krug wird, stets gefüllt mit Wein, während der ganzen Kerb mitgeführt. Wer aus ihm trinken darf, der erfährt eine besonderer Ehre.